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Hunde

von Jürgen Uhl | Ich jogge. Meist morgens. Einige Hunde und deren Halter scheinen ähnlich in den Tag zu starten. Ob freiwillig oder auf Drängen der Darmtätigkeit ihrer Vierbeiner lässt sich manchmal an Gang und Gesicht des Hundebesitzers erkennen. Mein Lauftempo lässt viel Raum für Beobachtungen und Überlegungen zu.

Würde ich schneller laufen können, bliebe mir z.B. verborgen, wie sich die Hand so manches Hundeführers in einer schwarzen Tüte versteckt gen Boden streckt, um die Reste aus Frolic und Royal Canin zu sammeln, die er dann für den Rest des Spaziergangs mit sich trägt. Zu Winterzeiten ist eine warme Jackentasche sicher Klasse. Auch wenn das Schauspiel kein Gruß aus der Frühstücksküche ist, bin ich Hundebesitzern dafür dankbar. Zu oft schon brachte ich nach einem Lauf neben Achselschweiß auch unangenehm klebende Duftmarken an den Fußsohlen mit nach Hause. Ok, abwaschen, erledigt. - Was jedoch länger haften bleibt, sind die Begegnungen mit den Herrchen und Frauchen.

Loriot hätte seine Freude gehabt. "Der Hund ist menschenlieb", sprach das Herrchen kurz bevor sein Liebling sich mir knurrend in den Weg stellt. "Er will nur spielen". Glaub ich auch nachdem die nasse Schnauze meine Kleidung eingeseift hat. Schön ist auch die Irritation darüber, dass ich langsamer an Hunden vorbeigehe. "Warum machen Sie langsam? Ich hab den Hund extra gewarnt." Wer hat hier wen vor wem gewarnt? Na gut, eine generelle Hunde-Anschnallpflicht würde ich sicher auch nicht beachten. Nicht nach fünfzehn Samstagen in der Hundeschule. Schließlich muss sich das Geld und vor allem die Liebe zueinander in Gehorsam auszahlen.

Nach durchschnittlich zehn Hunden auf zwei Kilometer stellen sich zwangsläufig Fragen zum Thema "der Hund im Allgemeinen und sein Herrchen im Speziellen" ein.

Zum Beispiel die Frage, ob die gefühlte Zunahme an Hundebesitzern die KFZ-Zulassungen gegenüber dem Vorjahresmonat übersteigt? Ist der Hund zum Statussymbol geworden? Nach dem Motto: "Hey, schaut her, ich kann es mir leisten morgens und abends mit dem Hund Gassi zu gehen. Mittags kommt dann die Putzfrau und geht noch eine Runde mit ihm um den Block. Ich bin die personalisierte Work-Lifebalance".

Bei Kilometer 4 schießt dann plötzlich Klarheit, nein Einsicht, in mich. (Das verdanke ich vermutlich diesen Endorphinen, die angeblich beim "Sport machen" freigesetzt werden.) Genau wie ich einfach so zum Spaß (oder zur Leibesertüchtigung) vor mich hinjogge, hat auch ein Hund die Funktion Spaß zu machen. Ein Hobby das im besten Fall vor Depressionen und Übergewicht schützt. Eine Kompensation für Bewegung, die im Alltag nicht mehr stattfindet. Diese Hunde wären dann quasi der Spiegel einer Zeit am Ende der Spaßgesellschaft, in der Finanzkrisen, Globalisierung und sozialer Kälte verunsichern. Ein wenig Beschaulichkeit, Biedermeiertum und Schutz tun da gut. Ähnlich dem Phänomen der SUV-Fahrzeug-Besitzern. Sinnentleert, logikfrei und funktionslos suggerieren sie Zuverlässigkeit und Schutz in einer immer unübersichtlicheren Welt. Somit bräuchte es eine tüchtige Überarbeitung gängiger Klischees wie, dass Hunde lediglich Ersatz für das ungeborene Kind sind oder zum vollkommenen Familienglück beitragen.

Nach sieben Kilometern Laufen stellt sich bei mir der Flow ein. Das Denken lässt mangels Sauerstoffzufuhr ans Gehirn nach. Es kommt gerade noch genug um verschwommenen Erinnerungen an Bingo, unseren Hofhund, nachzuhängen. Im Gegensatz zu all diesen morgendlichen "Begegnungs-Hunden" hatte er eine klar definierte Aufgabe. Er war ein Wachhund, für den Schutz unseres Eigentums zuständig. Wer nicht bei Drei seine Beine vom Pedal auf die Fahrradstange schwang, bekam es mit Bingo zu tun. Selbst mit Autos hat er es aufgenommen. Sprang wie besessen an ihnen hoch … und wie sich das für einen echten Wachhund gehört, verstand er sich mit keinem besonders, ich glaube nicht einmal mit den ihm schutzbefohlenen Tieren auf dem Hof…  einfach ein Hundeleben.